In Zukunft bitte
mehr als
Nachhaltigkeit!

Soll Nachhaltigkeit zur Vision
erwachsen, muss ein neues
Wort her. Der derzeitige Favorit
unserer Autorin: Lebendigkeit.

Warum wir neue Begriffe brauchen, um eine wünschenswerte Zukunft zu beschreiben

„Irgendwie fängt irgendwann irgendwo die Zukunft an“, wusste schon Nena. So schön das klingt, so vage bleibt die Aussage. Ähnlich unscharf kann die kollektive Vorstellung von Zukunft ausfallen, wenn wir sie ausschließlich mit dem Begriff der Nachhaltigkeit beschreiben. Die ist zwar ein wichtiges Konzept, um zu beschreiben, wie unser Wirtschaftssystem und unsere Lebensweise beschaffen sein sollen. Um aber eine lebendige, sinnliche und konkrete Vision von wünschenswerter Zukunft zu malen, ist der Begriff zu technisch. Denn was genau meint Nachhaltigkeit, und welche Alternativen können wir in unseren Wortschatz integrieren, um fantasievoller in die Zukunft zu schauen?

Betrachten wir die Begriffsgeschichte der Nachhaltigkeit, so wird deutlich, dass damit vor allem eine Eigenschaft beschrieben wird: Etwas ist beständig, lang andauernd, fortlaufend vorhanden. Im Bezug auf den Umgang mit Ressourcen beschreibt Nachhaltigkeit das Handlungsprinzip, nicht mehr zu verbrauchen, als sich jeweils wieder regenerieren kann. Damit wird also die Beständigkeit und das dauerhafte Vorhandensein einer Ressource gesichert. Dieses Prinzip kann auf jeden Prozess angewendet werden –wird aber gängigerweise wirtschaftlich-technologisch verstanden. Was hören wir nun also, wenn wir Nachhaltigkeit und Zukunft koppeln? Dass die Ressourcen, die wir brauchen, auch in Zukunft beständig und fortlaufend verfügbar sein werden, wenn wir unser Handeln entsprechend anpassen. Welche Ressourcen in welcher Form und welchem Ausmaß für wen vorhanden sein sollen, ist damit aber noch lange nicht geklärt. Auch ein Hyperkonzern (vielleicht eine Fusion aus Nestlé, BP, Bayer und Coca-Cola), der in einer möglichen Zukunft die Nutzungs- und Verteilungshoheit über sämtliche Ressourcen übernommen hat, könnte nach dem Prinzip der Nachhaltigkeit wirtschaften. Vielleicht aber nur noch mit einer kleinen Menge gentechnisch optimierten Saatguts. Gerecht, frei, solidarisch oder vielfältig wäre diese Zukunft nicht.

Von der reinen Nachhaltigkeit hin zur lebenserhaltenden Gesellschaft

Als Begriff, der eine besondere Wirtschaftsweise beschreibt, ist Nachhaltigkeit weiter unverzichtbar – und es ist auch weiterhin nötig, seine Wichtigkeit für eine gelingende Zukunft zu vermitteln. Damit aber gesamtgesellschaftlich und in allen Bereichen des Lebens ein Kurswechsel passiert, brauchen wir einen Kompass, der mehr umfasst: Wohin soll es gehen, in welche Zukunft wollen wir uns bewegen? Dazu ist es wichtig, zuerst den Ausgangspunkt zu definieren und zu verdeutlichen, wo wir uns befinden. Joanna Macy, eine Vordenkerin der „Großen Transformation“, beschreibt die Gegenwart mit dem Begriff der industriellen Wachstumsgesellschaft. Die negativen Effekte, die diese Lebens- und Wirtschaftsweise mit sich bringt, zeigen sich als ein drohender Systemkollaps, der beim Artensterben beginnt und beim Klimawandel nicht aufhört.

Joanna Macy ist es auch, die mit ihrem Ansatz „the work that reconnects“ eine analytische, aber auch ganz praktische Herangehensweise vermittelt, sich auf den Weg in die Zukunft zu machen: hin zu einer lebenserhaltenden Gesellschaft und Kultur. Lebenserhaltend ist der Begriff, der angesichts erwartbarer globaler Katastrophen vielleicht am besten beschreibt, was das Ziel aller Bemühungen sein sollte – und somit auch der höhere Zweck von Nachhaltigkeit: dass wir die Vielfältigkeit des Lebens auf dem Planeten Erde erhalten und fördern. Dafür ist es unumgänglich, Ressourcen solidarisch und gerecht aufzuteilen, freie Entfaltung zu fördern sowie Vielfalt und Unterschiedlichkeit zu schätzen. Diese Form der Nachhaltigkeit im Umgang bezieht sich auf alles, was lebt: Mitmenschen, Tier- und Pflanzenwelt, ja, sogar die sogenannte „unbelebte“ Natur, die den Nährboden für alles Lebendige bildet.

Die Vision einer Gesellschaft, die Lebendigkeit fördert und vermehrt, gibt eine klare Richtung für das Handeln in allen Aspekten des Lebens. INJU hat sich dieser Zukunft verschrieben und versteht sich als Forschungs- und Beispielprojekt dafür, wie auch ein Unternehmen durch seine Wirtschaftsweise nicht nur Nachhaltigkeit umsetzen, sondern vor allem auch Lebendigkeit vermehren kann. Denn während Nachhaltigkeit eine selbstverständliche Handlungsleitlinie ist, ist größtmögliche Lebendigkeit auf allen Ebenen das, worum es am Ende wirklich geht – und der wirkliche Reichtum in dieser Welt.

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